Schütteln, Zittern, Trinken, Gähnen, Atmen

Über feine Nervensysteme und warum manche Hunde mehr spüren als andere:

 

Es gibt Hunde, die wirken, als hätten sie Antennen.  

Sie hören, bevor etwas gesagt wird.  

Sie reagieren, bevor etwas passiert.  

Sie speichern Eindrücke, Gerüche, Stimmungen, Spannungen.

 

Besonders sensible Rassen wie Australian Shepherds, Mini Aussies, Border Collies und ähnliche Hunde verfügen über ein extrem feines Nervensystem. Sie nehmen Reize schneller wahr, verarbeiten sie intensiver und tragen sie oft länger in sich als andere Hunde.

Was für uns beiläufig ist, kann für sie bereits bedeutsam sein.

Diese Hunde sind nicht nervös, nicht schwierig, nicht überdreht.  

Sie sind wach.  

Sehr wach.

Und genau deshalb zeigen sie häufig Dinge, die Menschen verunsichern.  

Sie zittern.  

Sie schütteln sich.  

Sie gähnen.  

Sie trinken auffallend viel oder ganz bewusst.  

Sie hecheln, obwohl es nicht heiß ist.  

All das sind keine Fehler.  

Es sind Wege des Körpers, wieder ins Gleichgewicht zu finden.

 

Schütteln  

Wenn der Körper loslässt:

 

Fast jeder kennt es.  

Der Hund kommt aus einer aufregenden Situation.  

Ein anderer Hund war da.  

Ein fremder Mensch.  

Ein kurzer Schreck.  

Ein intensives Spiel.

Und dann schüttelt er sich.  

Von der Nase bis zur Schwanzspitze.  

Manchmal so kräftig, dass der ganze Mensch daneben nass wird.

Dieses Schütteln ist kein Zufall.  

Es ist Entladung.

Der Körper wirft überschüssige Spannung ab.  

So, wie Tiere es seit jeher tun.

In der freien Natur schütteln sich Tiere nach Stress, nach Gefahr, nach Anspannung. Sie behalten nichts fest. Sie analysieren nicht. Sie lassen los.

Unsere Hunde tun das genauso.  

Wenn wir sie lassen.

 

 

 

 

 



Zittern nach dem Fressen  

Wenn das Nervensystem arbeitet:

 

Bei Welpen ist ein ganz besonderes Zittern zu beobachten, wenn sie zum ersten Mal feste Nahrung bekommen. Der ganze Körper zittert, wackelt, wirkt fast wie bei Schüttelfrost. Besonders bei Fertigfutter ist das Zittern oft stärker, bei Fleisch meist etwas milder. Das ist kein Stress im negativen Sinn.  Es ist Verarbeitung. Der Körper arbeitet. Das Nervensystem sortiert neue Reize. Verdauung, Geschmack, Konsistenz, Sättigung.

Dieses Zittern verschwindet von selbst, sobald der Körper gelernt hat, mit dieser neuen Erfahrung umzugehen.

 

 

Leistungszittern  

 Wenn der Körper arbeitet, obwohl nichts passiert:

 

Es gibt Hunde, die stehen einfach nur da.  

An der Leine.  

Neben ihrem Menschen.  

Es passiert nichts.

Und trotzdem zittern sie.

Nicht vor Kälte.  

Nicht vor Schmerz.  

Nicht aus Angst.

Dieses Zittern nennt man Leistungszittern.

Es entsteht, wenn der Hund gelernt hat, dass schon Anwesenheit Leistung ist. Dass schon das Dastehen Erwartungen mit sich bringt. Dass gleich etwas kommen könnte.

Der Hund wartet nicht entspannt.  

Er wartet angespannt.

Wie ein Mensch vor einer Prüfung.  

Oder vor einem wichtigen Gespräch.  

Nach außen ruhig, innen voller Spannung.

Besonders sensible Hunde reagieren hier extrem fein. Sie wollen alles richtig machen, nichts falsch machen, nichts verpassen. Ihr Körper ist bereits im Arbeitsmodus, noch bevor überhaupt etwas verlangt wird.

Ablenkung, Ansprechen, Streicheln verstärken dieses Zittern oft, weil sie dem Hund signalisieren, dass diese Situation wichtig ist.

Was hilft, ist das Gegenteil.  

Bedeutung herausnehmen.  

Erwartung loslassen.  

Stehen lassen ohne Aufgabe.

 

 

Echtes Zittern  

Zittern aus Schmerz, Angst oder Überforderung:

 

Es gibt auch Zittern, das ein Warnsignal ist.

Zittern nach Verletzungen.  

Nach Beißereien.  

Bei starken Schmerzen.  

Bei großer Furcht oder existenzieller Angst.

Dieses Zittern ist meist tiefer, anhaltender, oft begleitet von anderen Zeichen wie eingezogener Rute, veränderter Körperhaltung, Rückzug, fehlender Ansprechbarkeit.

Hier geht es nicht um Entladung, sondern um Überforderung.  

Der Körper steht unter Alarm.

Dieses Zittern braucht Schutz, Ruhe, manchmal medizinische Abklärung und immer ein ernstes Hinsehen.

 

 

Gähnen  

Ein stiller Versuch, Spannung zu regulieren:

 

Hunde gähnen nicht nur, wenn sie müde sind.  

Sie gähnen in Konflikten.  

Nach Streit.  

Beim Geschimpftwerden.  

Wenn man ihnen etwas wegnimmt.  

In unklaren Situationen.

Gähnen ist ein Regulierungssignal.  

Der Körper versucht, Druck abzubauen.

Viele Hunde gähnen, wenn die Situation emotional schwierig ist. Nicht, weil sie frech sind oder desinteressiert, sondern weil ihr Nervensystem Entlastung sucht..



Trinken  

Warum Wasser beruhigt:

 

Es ist kein Zufall, dass man Menschen sagt, trink erst mal einen Schluck Wasser. Oder setz dich hin und trink einen warmen Tee. Trinken wirkt regulierend.  Es bringt den Körper zurück in den Moment.  Es aktiviert den Parasympathikus, den Teil des Nervensystems, der für Ruhe zuständig ist. Auch Hunde trinken manchmal nach Stress ganz bewusst. Nicht aus Durst, sondern zur Regulation. Warmes Getränk wirkt zusätzlich beruhigend, weil es von innen wärmt und Weichheit erzeugt. Auch das kennen wir aus dem Alltag.

 

Kälte und Zittern  

Warum Frieren selten die Ursache ist:

 

Viele Menschen glauben, Hunde zittern, weil sie frieren.  

In den meisten Fällen stimmt das nicht.

Hunde sind deutlich kälteresistenter als wir. Besonders robuste Hunde mit Unterwolle kommen problemlos mit niedrigen Temperaturen zurecht, selbst nachts.

Problematisch wird Kälte vor allem bei Hunden ohne Unterwolle, bei kleinen Rassen oder bei Hunden, die an dauerhafte Wärme gewöhnt sind, etwa durch Fußbodenheizung oder Heizungsliegen.

Hitze ist für Hunde meist deutlich belastender als Kälte.

Zittern ist in den meisten Fällen kein Zeichen von Frieren, sondern von innerer Spannung.



Atmung  

Die stille Grundlage der Entspannung:

 

Hunde machen keine Atemtechniken.  

Sie können nicht bewusst tief ein- und ausatmen wie wir.

Und doch ist Atmung entscheidend.

Freie Atmung braucht Raum.  

Ein passendes Geschirr.  

Kein dauerhaftes Drücken auf Kehlkopf oder Brustbein.  

Keine zu engen Halsbänder.  

Keine Geschirre, die vorne auf das Sternum drücken.

Auch die Atmung des Menschen spielt eine große Rolle.

Ein hektisch atmender Mensch, angespannt, starrend, erwartungsvoll, überträgt genau das auf den Hund. Der Hund atmet flach, spannt sich an, reagiert.

Atmung ist kein Kommando.  

Atmung ist ein Spiegel.



Praktische Wege zur Ruhe  

Was Menschen konkret tun können:

 

Der wichtigste Schritt ist, die Rahmenbedingungen zu verändern.

Ruhige Spaziergänge ohne Reizüberflutung.  

Am besten im Wald oder auf ruhigen Wegen.  

Ohne Handy.  

Ohne Gespräche.  

Ohne Erwartungen.

Der Hund darf vorher Energie loswerden.  

Spielen.  

Laufen.  

Schnüffeln.

Danach Leine dran.  

Still werden.  

Gehen.

Der Mensch achtet auf seine eigene Atmung.  

Nicht auf den Hund.  

Nicht auf Verhalten.  

Nicht auf Funktionieren.

Nicht reden.  

Nicht korrigieren.  

Nicht kommentieren.

Einfach da sein.

Diese Spaziergänge wirken nicht sofort spektakulär. Sie wirken leise. Und genau deshalb wirken sie tief.

Man muss sie wiederholen.  

Mehrmals.  

Ohne Erwartung.  

Ohne Druck.

Und irgendwann passiert etwas Wunderschönes.  

Der Hund wird ruhig.  

Ganz von selbst.


Zwei Australian Shepherd Hündinnen - Ella und Lio, Mutter und Tochter

 

Abschluss  

Eine Einladung zur Wahrnehmung:

 

Diese Reihe ist eine Einladung, Hunde nicht sofort zu korrigieren, sondern zuerst zu verstehen.

Zittern, Schütteln, Gähnen, Trinken, Atmen sind keine Probleme.  

Sie sind Ausdruck eines Körpers, der versucht, im Gleichgewicht zu bleiben.

Wenn wir lernen, diese Signale zu lesen, entsteht etwas Neues.  

Vertrauen.  

Weichheit.  

Ruhe.

Nicht durch Machen.  

Sondern durch Lassen.

Und manchmal beginnt Entspannung genau dort, wo wir selbst aufhören, etwas erreichen zu wollen.


Red tri Aussie Rüde

Silke Löffler © RoC